Von Michigan nach St. Andrä

Rachel Doriean und Gabby Jensen, zwei US-Amerikanerinnen aus Michigan, sind seit Oktober in St. Andrä: Dort arbeiten sie bei zwei Lavanttaler Familien als Au-pair. Den „Unterkärntner Nachrichten“ haben sie erzählt, wie ihre Reise ins Lavanttal begonnen hat und wie sich das Leben in Österreich von dem in den USA unterscheidet.

Au-Pairs: Von Michigan nach St. Andrä

ST. ANDRÄ. Rund 6.800 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Österreich und Michigan. Die Orte Bay City und Charlevoix, die in diesem US-Bundesstaat liegen, sind wohl den meisten Lavanttalern kein Begriff. Genau so wenig wie die wenigsten US-Amerikaner St. Andrä kennen werden. Zwei US-Amerikanerinnen aus Michigan ist die Stadt im Lavanttal aber mehr als nur bekannt: Seit vorigen Oktober arbeiten Rachel Doriean und Gabby Jensen als Au-pairs bei zwei Lavanttaler Familien. Dass es sie nach Kärnten verschlagen hat, verdanken sie Rachels Freundschaft mit einer Österreicherin.

 

Vom Ski-Ressort in Michigan zur Ski-Nation Österreich

„Ich habe in einem Ski-Ressort in Michigan gearbeitet und war dort mit der Nichte meiner Gastmutter befreundet“, erzählt Rachel. „Im Sommer hat sie mich kontaktiert und gefragt, ob ich daran Interesse hätte, als Au-pair in Österreich zu arbeiten, da sie wusste, dass ich viel reisen möchte.“ Der Zeitpunkt war für Rachel perfekt: Sie hatte gerade an der Michigan State Universität ihren Bachelor in „Advertising“ mit Schwerpunkt auf PR und Kindesentwicklung abgeschlossen und jobbte als Kellnerin in einer Brauerei. Dort arbeitete auch Gabby Jensen, die ebenfalls gerade ihren Bachelorabschluss in Umweltwissenschaften und Geologie an der DePauw Universität gemacht hatte. „Ich wollte auch reisen und deswegen haben wir Rachels Familie gefragt, ob sie vielleicht jemanden kennen, der ebenfalls auf der Suche nach einem Au-pair ist“, meint Gabby Jensen. Im Juli begannen die beiden mit der Organisation der Reise, im Oktober kamen sie in Österreich an. „Das einzige, was ich vorher mit Österreich verbunden habe, war The Sound of Music“, erzählt Rachel. „Wir haben zwar recherchiert, aber im Internet findet man nicht so viele Informationen über Wolfsberg.“ „Wir wussten, dass man hier gut Ski fahren kann und dar- auf haben wir uns auch beide sehr gefreut“, ergänzt Gabby.

 

36 Stunden Reise

Um von Michigan nach Österreich zu kommen, waren die beiden 36 Stunden unterwegs. Zunächst flogen sie von Detroit nach New York, wo sie einen zwölf Stunden Aufenthalt hatten. Danach ging es für sie weiter von New York nach Lissabon, wo sie das Flugzeug nach Wien nahmen. Dort wurden sie schon von ihren Familien erwartet. „Es war wirklich schwierig, für ein ganzes Jahr zu packen“, er- zählt Gabby. „Wir waren am Anfang schon ziemlich nervös, unsere Gastfamilien zu treffen. Davor hatten wir ja nur über WhatsApp mit ihnen gesprochen“, meint Rachel. „Aber als wir in Wien gelandet sind, haben sie uns bereits ein Foto geschickt, auf dem sie alle beim Flughafenausgang standen und auf uns gewartet haben. Das war so lieb. Und es ist uns dann auch schnell klar geworden, dass wir es mit unseren Familien nicht besser hätten treffen können.“ Gabby ist Au-Pair bei Familie Draxl und passt auf die zwei Mädchen Tamara (5 Jahre) und Ramona (7 Jah- re) auf, Rachel bei Familie Fellner mit den zwei Buben Matteo 8 und Noah 10 Jahre. „Ich hatte ja Angst, wie das mit dem Essen hier werden wird, weil ich Vegetarierin bin und mich glutenfrei ernähre“, erzählt Gabby. Aber auch da hat sie Glück, denn ihre Gastmutter Karin ernährt sich ebenfalls glutenfrei. „Wir haben einfach nach und nach festgestellt, dass wir mit unseren Gastfamilien sehr viel gemeinsam haben“, meinen die beiden.

 

Life in Austria: Daily Routine

Beide sind sich darin einig, dass das, was ihnen an Österreich am besten gefällt, die Berge sind. „Vom Haus meiner Familie aus sieht man direkt auf die Koralpe. Es ist eine wunderschöne Aussicht“, meint Gabby. „Ich finde, es ist unglaublich schön hier“, so auch Rachel. „Wir freuen uns beide auch schon darauf, wenn das Wetter wärmer wird. Weil wir in Michigan aufgewachsen sind, sind wir es gewöhnt, dass wir die meiste Zeit draußen am Wasser sein können.“ Für den Sommer haben sie sich vorgenommen, die Seen Kärntens besser kennenzulernen. Bei ihren Familien haben sie unter der Woche ihre Alltagsroutine, die sich – sobald die Kinder von der Schule heimkommen – nach deren Bedürfnissen richtet. „Au-pair sein bedeutet eine Assistentin der Mutter zu sein“, erzählt Rachel. „Es ist schon anders als ich dachte“, fügt Gabby hinzu. „Das hört sich viel- leicht kitschig an, aber ich habe bereits soviel gelernt, seit ich hier bin: Über das Familienleben, aber auch über mich selbst.“ Am Vormittag, wenn die Kinder in der Schule sind, erledigen die beiden Au-pairs Haushaltstätigkeiten. Auch für die Zubereitung des Mittagessens sind sie verantwortlich. „Das war am Anfang schwierig für uns“, erzählen sie. Während in den USA um die Mittagszeit nur ein kleiner Imbiss („Lunch“) gegessen wird, stellt das Mittagessen in Österreich die Hauptmahlzeit dar. „Weder Gabby noch ich sind be- sonders gute Köche“, meint Rachel. „Und in den USA sind die meisten Sachen, die man kaufen kann, schon vorbereitet bzw. vorgekocht. Von Grund auf zu kochen war eine Umstellung für uns.“

 

Unterschiede und Ähnlichkeiten zu den USA

Was das Eingewöhnen in Österreich für die beiden einfacher machte, war, dass ihre Heimatstädte eine ähnliche Größe und Struktur haben wie St. Andrä. „Der Ort, von dem ich komme, also Charlevoix, ist sogar kleiner als St. Andrä“, erzählt Gabby. Der Ort hat rund 3.000 Einwohner. „Auch die Landschaft in Michigan ist der von Österreich sehr ähnlich, wenn man davon absieht, dass wir keine Berge haben“, fügt Rachel hinzu. Was im Gegensatz zu den USA gänzlich anders verläuft, ist das Familienleben. Während in Österreich oftmals auch mehrere Generationen unter einem Dach wohnen, ist das in den USA unüblich. Auch dass die Familie meist nah beieinander wohnt, kennen die beiden so nicht. „In den USA zieht man schon öfter um“, erzählt Rachel. „Ich bin mit meiner Familie bereits viermal umgezogen – das gehört einfach zum Leben dazu.“ Neben Jobwechseln oder Ausbildungen, die zu einem Wechsel des Wohnortes führen, ist auch die Pensionierung oft ein Grund für einen nochmaligen Umzug. „Viele Leute ziehen in wärmere Bundesstaaten um, zum Beispiel nach Florida, wenn sie in Pension gehen“, meint Rachel. Die größte Umstellung war sicher für beide, in einem Land mit einer anderen Sprache zu leben. Momentan lernen sie Deutsch. „Es ist sehr schwierig, das, was wir im Kurs lernen, auch im Alltag zu verwenden, weil der Dialekt so anders als die Schriftsprache ist“, meint Gabby. Beide finden es aber gut, dass sie dadurch, dass sie die gesamte Zeit mit Personen verbringen, die Deutsch als Muttersprache haben, teilweise dazu gezwungen sind, sich in Deutsch zu verständigen und so schneller lernen.

 

Austausch über Brauchtum und Traditionen

„Wir sind ja kurz vor Thanksgiving in Österreich angekommen“, erzählt Gabby. „Also wollten wir für unsere Gastfamilien ein typisches, amerikanisches Thanksgiving-Dinner kochen.“ Das Essen mit einem riesigen Truthahn und selbstgemachten Kuchen war ein voller Erfolg. Auch mit österreichischen Traditionen und Bräuchen sind Rachel und Gabby seit ihrem Aufenthalt schon in Kontakt gekommen. „Die Krampusläufe waren sehr furchteinflößend“, meint Rachel, die den Umzug in Wolfsberg besuchte. Gabby war beim Krampuslauf in Prebl. Beide mochten gerne die Christkindlmärkte, Maroni und Glühwein. Zu Fasching waren sie beim Umzug in St. Andrä unterwegs. „So etwas wie Fasching haben wir nicht“, meinen sie, die es als eine Mischung aus Halloween und St. Patrick‘s Day beschreiben. Ein Jahr – bis Herbst 2018 – werden Gabby und Rachel in Österreich bleiben. Über ihre Abreise und die Rückkehr in ihre Heimat wollen sie lieber noch nicht nachdenken. Eines ist ihnen aber jetzt schon klar: Dass sie dem Lavanttal und ihren Au-pair-Familien ein Leben lang verbunden bleiben werden.