Er kam im Wolfsberger Kirchturm zur Welt

Josef Ceraj ist der Sohn des letzten Turmwächters von Kärnten. Und er ist das letzte Kind, das im Turm der Markuskirche geboren wurde. Der heute 60-Jährige erzählt über das Leben »dort oben« auf 32 Quadratmetern.

Der »Wohlhochgeborene«

WOLFSBERG. »Schön, dass ich wieder hier bin«, sagt Josef Ceraj leise, nachdem er 141 Stufen erklommen hat und im 72 Meter hohen Turm der Markuskirche steht. Er ist wieder »daheim«. Denn hier, hoch über Wolfsberg, wurde Ceraj am 3. März 1958 geboren. Er war nicht das erste, aber das letzte Kind, das im Turm das Licht der Welt erblickte. »Mein Vater Adolf war Turmwächter bei der Gemeinde«, erzählt der heute 60-Jährige, »und meine Familie wohnte hier oben.« Mutter Dorothea, der Vater, zwei Schwestern und  schließlich auch der kleine Josef teilten sich ganze 32 Quadratmeter. »›Wohlhochgeboren‹ schrieben damals die Unterkärntner Nachrichten in meiner Geburtsmeldung«, lacht Ceraj und deutet im »Wohnzimmer« auf eine Wand: »Der Boden ist immer noch der gleiche. Hier, neben dem Kachelofen stand der Herd, auf dem meine Mutter kochte. Und dort draußen, gleich neben dem Stiegenaufgang, waren die Betten. Hier wurde auch meine Schwester Elisabeth am 4. März 1957 geboren. Mein Vater hatte zur Stiege hin eine Abtrennung gebaut. Im Winter war es trotzdem sehr kalt.« Zwar lebte er nur die ersten beiden Jahre seines Lebens im Turm, Erinnerungen hat Ceraj trotzdem: »Alle 15 Minuten mussten mein Vater – oder auch meine Mutter – einen Rundgang um den Turm machen, um nach Bränden Ausschau zu halten. Wenn sie etwas sahen, bedienten sie einen Schusstrichter.« Dabei handelte es sich um einen gewaltigen Schalltrichter, in den mit einem Gewehr mehrere Schüsse abgefeuert wurden: drei für einen Brand im Zentrum, zwei für Feuer an der Peripherie, einen, wenn im Umland die Flammen loderten.

Die Sache mit der Seilwinde  

Über der Wohnung befand sich die Turmuhr. »Dort durfte ich mit meinem Vater hinauf, um sie aufzuziehen.« Auch an den Auszug aus dem Turm erinnert sich Ceraj: »Es gab an der Nordseite eine Seilwinde samt Plattform, auf der Lebensmittel und Heizmaterial hinauf befördert wurden. Mit der seilten meine Eltern die Möbel ab. Ich wollte unbedingt mitfahren, aber sie ließen mich nicht, was mich zornig machte.« Ceraj lacht wieder und sagt: »Nein, Höhenangst habe ich bis heute keine.« Dann nimmt er die Taube, die sich in die Räume verirrt hat, bringt sie zu einem Fenster und lässt sie fliegen. Anfang der 1960er übersiedelte die Familie ins frühere Gefangenenlager in Wolfsberg, später nach Völkermarkt. »Mein Vater, der letzte Turmwächter Kärntens, wollte einen Neubeginn. Als ich fünf Jahre alt war, eröffnete er in Völkermarkt eine Messerschleiferei.« Er starb 1977 im Alter von 74 Jahren. Mutter Dorothea, 29 Jahre jünger als Adolf, lebt heute in Villach.

Von der Fliese zur Gastronomie

Ceraj absolvierte eine Lehre als Hafner und Fliesenleger, ging aber in die Gastronomie und arbeitete im Casino Velden, in Tirol und Vorarlberg. Er besaß eine Discothek in Mallnitz, später ein Café am Villacher Hauptbahnhof. Zurück denkt er gerne: »Es war eine schöne Zeit in Wolfsberg.«